Neben Ca Tru und dem Quan-Ho-Volksgesang wurde der Xoan-Gesang 2011 als immaterielles Kulturerbe Vietnams anerkannt. Der folgende Artikel des Musikers Cao Khac Thuy vermittelt Ihnen einen Überblick über diesen einzigartigen, jahrhundertealten Schatz der vietnamesischen Volkskultur.
Xoan-Gesang – immaterielles Kulturerbe Vietnams
Der Ursprung des Xoan-Gesangs
Der Xoan-Gesang stammt aus den Dörfern des angestammten Landes Phu Tho und wird traditionell im Frühling aufgeführt. Einer Legende zufolge lebte zur Zeit der Hung-Könige eine schöne Frau namens To Hoa, die für ihren Gesang und ihre Tänze berühmt war. Der König befahl ihr, während der Entbindung seiner schwangeren Gemahlin aufzutreten. To Hoas wunderschöne Lieder und anmutige Tänze linderten die Schmerzen der Königin und halfen ihr, drei Söhne zur Welt zu bringen. Der Hung-König lobte To Hoa für ihre außergewöhnliche Kunstfertigkeit und bat die Prinzessinnen, von ihr zu lernen. Da diese Form des Tanzes und Gesangs erstmals im Frühling aufgeführt wurde, erhielt sie den Namen “Hat xuan” (Frühlingsgesang).
Die Ältesten der Gemeinde Phu Duc erzählen eine andere Geschichte über den Ursprung dieser Kunstform. Eines Tages soll der Hung-König auf einer Reise nach Phu Duc eine Gruppe von Hirten gesehen haben, die fröhlich spielten und sangen. Daraufhin bat er sein Gefolge, den Kindern einige Volkslieder beizubringen. Dies gilt als Ursprung des Xoan-Gesangs, während die Gemeinde Phu Duc als Wiege dieser Kunstform angesehen wird.
Beide Überlieferungen sowie Forschungen zu Legenden, Geschichte, Archäologie und Soziologie bestätigen, dass der Xoan-Gesang bis in die Zeit der Hung-Könige zurückreicht. “Der Xoan-Gesang vereint eine größere Vielfalt traditioneller kultureller Rituale als andere Bräuche im nördlichen Mittelgebirge und im Delta. Dazu gehören etwa Zeremonien zur Verehrung der Ahnen oder nationaler Helden, die im Kampf gegen ausländische Eindringlinge eine bedeutende Rolle spielten. Dass Xoan-Aufführungen so unterschiedliche Rituale miteinander verbinden, deutet auf eine lange Entwicklungsgeschichte dieser Kunstform hin”, erklärt der außerordentliche Professor und Künstler Tu Ngoc. Der Forscher Nguyen Khac Xuong vertritt hingegen eine andere Auffassung: “Der Xoan-Gesang ging nicht aus dem Fest zu Ehren der Hung-Könige hervor, sondern entstand aus anderen Festen jener Zeit. Die heutige Form des Xoan-Gesangs unterscheidet sich deutlich von ihrer ursprünglichen Ausprägung. Der heutige Xoan-Gesang entspricht jener Kunstform, die während der Dai-Viet-Kulturepoche bei Festlichkeiten zu Ehren der Schutzgottheiten eines Dorfes in Tempeln aufgeführt wurde.”
Nach Erkenntnissen von Volkskunstforschern in der Provinz Phu Tho wird der Xoan-Gesang heute in den Tempeln von 17 Dörfern aufgeführt. In der Provinz bestehen vier Xoan-Ensembles: Phu Duc, Kim Doi, Thet und An Thai. Jedes Ensemble umfasst 12 bis 18 Mitwirkende im Alter von 12 bis 18 Jahren. Geleitet wird es von einem Mann mittleren Alters, der mit den Regeln, Liedern und der alten Nom-Schrift vertraut ist und weiß, wie das Ensemble organisiert und die Künstler ausgebildet werden.
Die Mitwirkenden üben jedes Jahr im Dezember und treten im Januar auf. Der Xoan-Gesang ist nicht ihr Beruf, sondern eine unterhaltsame Freizeitbeschäftigung.
Der Xoan-Gesang kennt zwei Formen: den zeremoniellen und den festlichen Gesang. Sie unterscheiden sich sowohl inhaltlich als auch in ihrer Aufführungsweise. Der zeremonielle Gesang umfasst 14 “Qua Cach” genannte Melodien. Sie erzählen unterschiedliche Geschichten und bringen Bitten um Frieden, Wohlstand und günstige Witterung zum Ausdruck. Jede Melodie besteht aus drei Teilen: “Giao Cach”, auch “Giang Dau” oder “Bi Dau” genannt, bildet die von einem Solisten gesungene Einleitung. “Dua Cach”, der Hauptteil des Stücks, wird von einem Sänger und einer Gruppe von Künstlerinnen vorgetragen und umfasst auch Tänze. In “Ket Cach”, dem Schlussteil, beendet eine Sängerin die Geschichte.
Der festliche Xoan-Gesang ist dagegen lebhafter und wird sowohl von den Mitgliedern des Xoan-Ensembles als auch von jungen Menschen aus dem Dorf aufgeführt.
Die Kunst des Xoan-Gesangs beruht auf drei wesentlichen Elementen: Text, Musik und Tanz.
Die vielfältigen Texte des Xoan-Gesangs sind sowohl von der Volkskunst als auch von der klassischen Kunst geprägt. Sie bringen die Hoffnungen, Träume und die Lebensfreude der Menschen zum Ausdruck und erzählen zugleich von ihrem Alltag. Die Texte werden stets schriftlich festgehalten und nur selten improvisiert.
Im Xoan-Gesang sind 35 Lieder überliefert, die jeweils gesprochene, rezitierte und gesungene Passagen enthalten. Die Melodien sind häufig fließend miteinander verbunden, abwechslungsreich und einfallsreich gestaltet, sodass sich jedes Lied deutlich von den anderen unterscheidet. Synkopen und gegenläufige rhythmische Akzente, die in anderen Formen der Volkskunst nur selten vorkommen, spielen im Xoan-Gesang eine wichtige Rolle. Zu den bei den Aufführungen verwendeten Instrumenten gehören Trommeln und “Phach” – kleine Holzstäbe, mit denen zur rhythmischen Begleitung auf ein Bambuskästchen geschlagen wird.
21 der insgesamt 24 Abschnitte einer Xoan-Aufführung enthalten Tanzelemente, wobei jeder Abschnitt von mehreren Tanzformen begleitet wird.
Xoan umfasst nicht nur Gesang und Tanz, sondern ist zugleich eine darstellende Kunst. Xoan-Künstler müssen Gesang, Tanz
und Schauspiel gleichermaßen beherrschen.
In einem lebhaften und humorvollen Fischerlied stehen mehrere Sängerinnen im Kreis und stellen ein Fischernetz dar, mit dem sie versuchen, einen als Fisch auftretenden Künstler zu fangen. Der “Fisch” kämpft darum, dem Netz zu entkommen. Gelingt ihm die Flucht, nimmt sich das “Netz” einen anderen Mann als Beute.
Ein weiteres Beispiel ist “Xin Hue” (Bitte um eine Blume). Dabei bittet ein Mann singend um eine Blume. Als die Gruppe der Künstlerinnen ihn fragt, welche “Blume” er sich wünsche, zeigt er auf eine von ihnen. Die ausgewählte Frau singt daraufhin eine kurze Melodie, in der sie begründet, warum sie seine Bitte ablehnt. Anschließend bittet ein anderer Mann um eine andere “Blume”, und das Spiel setzt sich fort.
Jede auf der Bühne vorgetragene Melodie bildet somit eine eigenständige Darbietung. Gerade deshalb besitzt der Xoan-Gesang einen so reichen kulturellen Wert und ist zugleich eine lebendige, vielfältige und außergewöhnliche Kunstform.
