Was bedeutet Erfolg? “Erfolg ist etwas Einfaches, viel einfacher, als man oft denkt. Erfolg ist, wenn Vater und Sohn versuchen, zum Muttertag oder Internationalen Frauentag das Lieblingsgericht der Mutter zu kochen – selbst wenn es ihnen nicht so gut gelingt wie anderen.” So könnte ein vietnamesisches Schulkind eine Prüfungsfrage zu diesem Thema beantworten. Und welche Bedeutung hat erst ein gemeinsames Abendessen, wenn sich die Familienmitglieder lange nicht gesehen haben! Möchten ausländische Gäste die vietnamesische Kultur kennenlernen, besuchen sie häufig Familien, gehen mit ihnen auf den Markt und kaufen die Zutaten für eine gemeinsame Mahlzeit ein. Lernt man auf diese Weise kochen? Die Antwort lautet “Ja” – doch man nimmt dabei noch viel mehr mit.
1. Ursprünge
Die traditionellen Werte Vietnams wurden stark von der konfuzianischen Ethik geprägt. Während der rund tausendjährigen chinesischen Fremdherrschaft fanden konfuzianische Glaubens- und Wertvorstellungen tiefen Eingang in die vietnamesische Kultur. So hieß es: “Um menschliche Vollkommenheit zu erreichen, muss man sich an festgelegte Verhaltensregeln halten. Dazu gehören die Verehrung der Ahnen und der Respekt vor älteren Menschen … Entscheidend sind nicht die persönlichen Leistungen des Einzelnen, sondern seine Pflichten gegenüber Familie und Gesellschaft.”
2. Traditionelle Familienwerte
Für die meisten Vietnamesen waren ihre Rolle, ihre Rechte und ihre Pflichten innerhalb der Familie wichtiger als persönliche Wünsche. Traditionell lebten mehrere Generationen unter einem Dach: Eltern, ihre Söhne und Schwiegertöchter, deren Kinder sowie unverheiratete Geschwister bildeten gemeinsam einen Haushalt. Von besonderer Bedeutung war dabei der Respekt vor den Älteren. Entscheidungen für die Familie wurden daher von den Eltern und Großeltern getroffen.
Über Jahrhunderte beruhten die traditionellen Familienwerte Vietnams auf der Erfüllung klar definierter Rollen – insbesondere der Rollen von Mann und Frau als Eltern. Da der Mann beziehungsweise Vater innerhalb der Familie den höchsten Rang einnahm, besaß er uneingeschränkte Autorität im Haushalt. Als Hauptverdiener wurde von ihm weder Küchenarbeit noch Kochen erwartet. Nach der Arbeit kehrte er nach Hause zurück und ruhte sich aus. Als Familienoberhaupt hatte er in allen Angelegenheiten das letzte Wort. Zugleich war der Vater verpflichtet, die Familie mit Besonnenheit und Weisheit zu führen, um seiner angesehenen Stellung gerecht zu werden.
Ein Sohn galt als unverzichtbar, denn nach dem Tod des Vaters übernahm der älteste Sohn dessen Pflichten. Nach damaliger, vom Aberglauben geprägter Vorstellung würde eine Familie ohne männlichen Nachkommen, der ihre Linie fortführte, für immer verschwinden.
3. Die Rolle der Frau
In der patriarchalisch geprägten Gesellschaft besaßen vietnamesische Frauen nur begrenzte Rechte und nahmen innerhalb der Familie eine untergeordnete Stellung ein. Mädchen wurden streng erzogen und erhielten traditionell weniger Bildung als Jungen.
Nach der Heirat wurde die Frau Hausfrau und Mutter. Von ihr wurde erwartet, dass sie sich auf ihren Ehemann verließ, die Kinder und später auch die Enkel betreute und sämtliche Aufgaben im Haushalt übernahm. Selbst wenn eine Frau in ihrer Ehe unglücklich war, riet ihr die Familie meist von einer Scheidung ab. Zum Wohl ihrer Kinder sollte sie persönliche Opfer bringen und die Schwierigkeiten der Ehe ertragen.
4. Gemeinsame Mahlzeiten
Gemeinsame Mahlzeiten haben in Vietnam einen hohen Stellenwert. Sie tragen wesentlich zu einem harmonischen Familienleben bei – besonders in einer Zeit, in der der Alltag immer geschäftiger wird. In Großstädten wie Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt sind Eltern häufig stark eingespannt. Sie müssen früh aufstehen, ihre Kinder vor der Arbeit zur Schule bringen und anschließend selbst pünktlich am Arbeitsplatz sein. Früher bereitete die Ehefrau meist das Frühstück für die ganze Familie zu. Aus Zeitmangel ist diese Tradition jedoch vielerorts in den Hintergrund getreten.
Bis heute wird die gemeinsame Mahlzeit sehr geschätzt, denn das Abendessen bietet der Familie Gelegenheit, nach einem anstrengenden Tag zusammenzukommen, zu essen und miteinander zu sprechen. Daher ist der regelmäßige Restaurantbesuch für viele Menschen und Familien in Vietnam nach wie vor eher unüblich. Für viele ist das gemeinsame Essen ein wichtiger Bestandteil eines glücklichen Familienlebens. Es geht dabei nicht nur um Mittag- oder Abendessen, sondern ebenso um Verbundenheit und Verständnis, Austausch und Fürsorge. In vielen vietnamesischen Familien wissen die Frauen genau, welche Gerichte ihre Ehemänner und Kinder am liebsten mögen. Sie versuchen, diese so oft wie möglich zuzubereiten – zumindest aber zu besonderen Anlässen.
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5. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern
Auch die Elternrolle war in vietnamesischen Familien klar definiert. Gehorsam und Respekt galten als traditionelle Tugenden, die Kindern innerhalb der Familie vermittelt wurden. Strenge Disziplin und körperliche Bestrafung wurden als zulässige Reaktionen auf Ungehorsam angesehen. Wurden die Eltern alt, erwartete man von den Kindern, dass sie für sie sorgten – als Dank für das Leben und die Erziehung, die sie ihnen geschenkt hatten.
Jungen und Mädchen durften nicht frei nach ihren eigenen Wünschen handeln, wobei besonders Mädchen streng beaufsichtigt wurden. Partnerwahl und romantische Beziehungen nach westlichem Vorbild galten bei unverheirateten jungen Menschen als unangemessen. Da Jungfräulichkeit einen hohen Stellenwert besaß, wurde eine Schwangerschaft außerhalb der Ehe als schwere Schande für die Familie betrachtet. Über die Eheschließung ihrer Kinder entschieden in der Regel die Eltern, da man ihnen das bessere Urteilsvermögen zuschrieb.
Bildung hatte für Vietnamesen traditionell einen höheren Stellenwert als materieller Erfolg. Deshalb ermutigten Eltern ihre Kinder, fleißig zu lernen und hervorragende Leistungen zu erzielen. Bildung genoss großes Ansehen und galt als Weg, das gesellschaftliche Fortkommen der gesamten Familie zu sichern.
