Richtig kommunizieren mit Menschen in Vietnam

Richtig kommunizieren mit Menschen in Vietnam

So kommunizieren Sie mit Vietnamesen

Rachel Tran Rachel Tran | Aktualisiert am 3. März 2021

Vietnamesen legen großen Wert auf Bescheidenheit und Zurückhaltung sowie auf harmonische Beziehungen zu ihren Mitmenschen. Um Konflikte zu vermeiden, sprechen sie sensible Themen häufig lieber indirekt an. Traditionell steht bei vietnamesischen Namen zuerst der Familienname, gefolgt vom Mittelnamen und schließlich dem Vornamen. Familienmitglieder tragen unterschiedliche Vornamen, da diese nicht weitergegeben werden. Jeder Name hat zudem eine bestimmte Bedeutung. Manche Namen können für beide Geschlechter verwendet werden.

In der vietnamesischen Kultur spielt der Status eine wichtige Rolle, den man sich durch Alter und Bildung erwirbt. Manchmal scheint es, als antworteten Vietnamesen auf jede Frage mit “Ja” (dạ). Dieses Ja ist jedoch vor allem eine höfliche Rückmeldung und kann bedeuten: “Ja, ich höre Ihnen zu”, “Ja, ich bin verunsichert” oder “Ja, ich möchte Sie nicht vor den Kopf stoßen”. “Thua” (bedeutet “bitte”) wird dem Vornamen vorangestellt, um Respekt auszudrücken.

Bei der formellen Anrede verwenden Vietnamesen üblicherweise Herr oder Frau beziehungsweise einen Titel zusammen mit dem Vornamen. Traditionell begrüßt man sich in Vietnam mit zusammengelegten Händen und einer leichten Verbeugung. In Großstädten haben einige Männer jedoch den westlichen Handschlag übernommen. In der Öffentlichkeit halten Männer mitunter als Zeichen ihrer Freundschaft Händchen. Umarmungen bleiben dagegen meist Verwandten vorbehalten. Vietnamesische Frauen geben anderen Personen, ob Frauen oder Männern, nur selten die Hand.

Das Lächeln in der Kommunikation mit Vietnamesen

Zeichen des Respekts

1. Respekt

Respekt bildet einen Grundpfeiler zwischenmenschlicher Beziehungen in der vietnamesischen Gesellschaft. Üblicherweise wird er durch besondere Anredeformen und bestimmte sprachliche Ausdrucksweisen vermittelt, aber auch durch nonverbales Verhalten. Ein vietnamesischer Schüler etwa, der still dasitzt und seiner Lehrkraft aufmerksam zuhört, möchte damit Respekt zeigen. US-amerikanische Lehrkräfte haben dieses Verhalten jedoch häufig als Passivität und mangelnde Reaktion missverstanden.

Aus Respekt vermeidet ein vietnamesischer Schüler beim Sprechen oder Zuhören häufig auch den direkten Blickkontakt mit seiner Lehrkraft. Nach US-amerikanischen Maßstäben könnte ein solches Verhalten misstrauisch machen und die Person unzuverlässig oder verschlagen erscheinen lassen. In der vietnamesischen Kultur kann ein tiefer Blick in die Augen hingegen als Herausforderung oder als Ausdruck starker Leidenschaft verstanden werden.

>> Lesetipp: Soziale Beziehungen in Vietnam

2. Lächeln

Das Lächeln, das auf US-amerikanische Beobachter mitunter rätselhaft wirkt, ist in der vietnamesischen Kultur ein weiteres nonverbales Zeichen des Respekts. Bei bestimmten Gefühlen bevorzugt man in Vietnam die nonverbale Kommunikation, während sie in der US-amerikanischen Kultur eher mit Worten ausgedrückt werden. Ein Lächeln kann beispielsweise als Entschuldigung für ein kleines Versäumnis dienen, etwa wenn jemand zu spät zum Unterricht kommt, oder Verlegenheit nach einem harmlosen Missgeschick ausdrücken. Für Vietnamesen ist es in vielen Situationen eine angemessene Reaktion, wenn Worte unnötig oder unangebracht wären. Es kann “Es tut mir leid”, “Danke” oder “Hallo!” ersetzen. Auch anstelle eines sofortigen Ja lächelt man bisweilen, um nicht übereifrig zu wirken.

Lehrkräfte bedanken sich zudem nicht unbedingt mit Worten bei ihren Schülern für kleine Gefälligkeiten wie das Schließen eines Fensters oder das Austeilen von Büchern. In solchen Fällen genügt ein Lächeln. Wer ein Kompliment macht, erwartet ebenfalls kein ausgesprochenes “Danke”. Eine solche Antwort könnte in der vietnamesischen Kultur als mangelnde Bescheidenheit des Empfängers aufgefasst werden. Ein Lächeln oder leichtes Erröten gilt daher als angemessene Reaktion auf ein Kompliment. Ist eine Antwort mit Worten erforderlich, wird das Lob oft bescheiden zurückgewiesen, etwa mit der Bemerkung, man habe es nicht verdient. Diese kulturellen Unterschiede beim Ausdruck von Dankbarkeit oder einer Entschuldigung können selbstverständlich zu Missverständnissen führen.

3. Erzählen von Geschichten

Vietnamesen erzählen mit viel Freude und Humor Geschichten und gelten als lebhafte Gesprächspartner. Wenn sie zusammenkommen, unterhalten sie sich gern über Nachbarn und Freunde. Viele Themen, die in westlichen Ländern als persönlich oder vertraulich gelten, werden in Vietnam ganz offen besprochen. Typische Fragen bei einer ersten Begegnung sind zum Beispiel:

— Wie alt sind Sie? (Diese Information ist notwendig, um im Vietnamesischen die richtige Anrede beziehungsweise das passende Pronomen zu wählen.)
— Sind Sie verheiratet?
— Haben Sie Kinder? Warum nicht? Gibt es ein Problem mit Ihrer Frau?
— Wie viel verdienen Sie?

Auch wo Sie gewesen sind, wen Sie getroffen und was Sie unternommen haben, stößt auf großes Interesse. Informationen verbreiten sich auf diese Weise sehr schnell. Dabei ist ihre Genauigkeit für den Erzähler nicht immer das Wichtigste.

Da die vietnamesische Gesellschaft großen Wert auf stabile soziale Beziehungen legt, sind diese häufig besonders eng und vertraut. Vietnamesen haben eine tief romantische Ader – nicht nur im partnerschaftlichen Sinne, sondern auch in ihrer Verbundenheit mit der Großfamilie, den Vorfahren, dem Heimatdorf und ihrem Land.

Dieser Überblick hilft Ihnen dabei, Ihre Gestik und Ihr höfliches Verhalten im Gespräch mit Vietnamesen besser einzuschätzen. Nachfolgend finden Sie eine Zusammenfassung nonverbaler Verhaltensweisen und ihrer Bedeutung in der vietnamesischen Kultur.

Nonverbaler AusdruckBedeutung in der vietnamesischen Kultur
NickenBegrüßung; bejahende Antwort; Zustimmung
KopfschüttelnVerneinende Antwort; Ablehnung
VerbeugungBegrüßung; großer Respekt
Den Kopf eines Kindes berührenWird nicht gern gesehen, gilt aber nicht als beleidigend
Blickkontakt vermeidenZeichen des Respekts gegenüber älteren oder gesellschaftlich höhergestellten Personen beziehungsweise gegenüber Personen des anderen Geschlechts
ZwinkernGilt als unangemessen, insbesondere gegenüber Personen des anderen Geschlechts
Die Stirn runzelnFrustration, Ärger oder Sorge
Die Lippen schmollenGeringschätzung
LächelnZustimmung; Verlegenheit; Unglaube; leichte Ablehnung; Dankbarkeit; Entschuldigung
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