Teetrinken gehört zum Straßenbild Hanois: An einem Laternenpfahl, im Schatten eines Baumes oder neben einem Hauseingang steht oft ein niedriger Tisch mit Glasgefäßen voller Süßigkeiten, gerösteter Erdnüsse und mit Zucker überzogenem Gebäck. So sieht ein typischer improvisierter Teestand aus – ein beliebter und fester Bestandteil des vietnamesischen Straßenlebens.
Geschickt öffnet der Verkäufer die Teewärmerhaube, nimmt die Teekanne heraus und gießt den heißen Tee in eine kleine Tasse. Anschließend reicht er dem Gast den dampfenden Tee. Anders als im Norden, wo man Tee am liebsten heiß trinkt, gibt man im Süden wegen des wärmeren Klimas gern Eiswürfel in die Tasse oder das Glas.
Teetrinken – eine unverzichtbare Gewohnheit
Die Vietnamesen pflegen die schöne Gewohnheit, Tee zu trinken. Sie genießen ihn überall und zu jeder Zeit: zu Hause, am Arbeitsplatz, unterwegs in einem Teeladen oder bei offiziellen Zusammenkünften, Hochzeiten und Beerdigungen. Auch auf den Ahnenaltären wird Tee bei Zeremonien als Opfergabe dargebracht. Wenn die Einheimischen Durst haben, greifen sie zu jeder Jahreszeit gern zu diesem Getränk. An einem heißen Sommertag erfrischt ein Glas Eistee nicht nur den Geist, sondern gilt auch als wohltuend für den Körper. Im Winter hingegen wärmt ein Schluck heißer Tee von innen und hilft dabei, der Kälte draußen zu trotzen.
Doch das Teetrinken ist in Vietnam keineswegs eine moderne Erscheinung, sondern blickt auf eine lange Geschichte zurück:
Teetrinken – von der Geschichte bis zum Alltag
Vietnam zählt zu den größten und ältesten Teeanbauländern der Welt. Seit über 2.000 Jahren wird hier Tee kultiviert. Bereits im 11. Jahrhundert diente er als Symbol für das Wesen des Buddhismus. Während der Tran-Dynastie vom 13. bis zum frühen 15. Jahrhundert erhielt Tee für die Vietnamesen eine philosophische Bedeutung. Im 15. Jahrhundert lebte der vietnamesische Universalgelehrte Nguyen Trai (1380-1442) als Einsiedler und entsagte der Welt zugunsten eines Lebens mit “Tee, Poesie und dem Mond”.
Während Tee für Gelehrte einen besonderen philosophischen Wert besitzt und tief in der vietnamesischen Geschichte verwurzelt ist, gehört er heute ganz selbstverständlich zum Alltag der Menschen in Stadt und Land. Früher konnten sich Bauern teuren Tee nicht leisten und bauten ihn deshalb selbst an. Heute bringt Tee die Menschen zusammen: So lädt ein Bauer seinen Nachbarn häufig zu einer Tasse Tee und einem Gespräch ein. Zunächst trinken die Gäste aus Höflichkeit und als Dank für die Gastfreundschaft. Mit jedem weiteren Schluck öffnen sie sich mehr, erzählen von ihren Gefühlen, ihrer Familie und ihrer Arbeit – und genießen schließlich gemeinsam das natürliche Aroma des Tees.
Tee ist weit mehr als ein gewöhnlicher Durstlöscher: Er gilt als feines, bedeutungsvolles Getränk. Einst beflügelte er die Inspiration von Dichtern; bis heute hilft der geruhsame Teegenuss dabei, den Geist zu erfrischen und zu verfeinern. Sogar der Charakter eines Menschen soll sich an seiner Art, Tee zu trinken, erkennen lassen. Wer kräftig aufgebrühten Tee bevorzugt, gilt in Vietnam als kultiviert. Und wer mit einer Kokosnussschöpfkelle Tee in kreisförmig angeordnete Schalen gießen kann, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten, darf sich der Bewunderung der anderen Teetrinker sicher sein.
Teesorten in Vietnam
In Vietnam werden zahlreiche unterschiedliche Teesorten angebaut, darunter che Tuyet, che Moc cau, che man und che chi … Jede lässt sich mit bestimmten Blüten aromatisieren: che man mit Chrysanthemen, che bup mit Hoa-soi-Blüten und hochwertige Sorten von che man und che bup mit Lotus, Narzissen oder Jasmin. Manche Kenner rudern sogar bis in die Mitte eines Teiches, um kleine Mengen Tee in Lotusknospen zu legen und so ihr Aroma auf die Blätter zu übertragen. Ein weiteres Beispiel ist der von der ethnischen Minderheit der Tay angebaute Cum-Tee. Die Teepflanzen dürfen wachsen, bis die Knospen ausgereift sind. Dann werden sie gepflückt und in einer Pfanne geröstet, bis sie trocken sind und sich einzurollen beginnen. Anschließend wird der Tee in Palmblätter gewickelt, damit er seinen Duft bewahrt.
Die Vietnamesen aromatisieren Tee gern mit Blüten. Besonders kostbar ist Lotustee, der früher den Königen vorbehalten war. Nach überlieferter Tradition wird am Nachmittag, wenn sich die Lotusblüten öffnen, ein kleines Säckchen Tee in ihre Mitte gelegt und die Blüte anschließend mit ihren Blättern verschlossen. Am nächsten Morgen sammelt man den Tau von den Blättern und vermischt ihn mit dem in der Blüte aromatisierten Tee. Sobald der Tee in die Tasse gegossen wird, erfüllt der zarte, frische Duft des Lotus den ganzen Raum.
Seit Generationen ist die Teekultur fest im Leben und in den Herzen der Vietnamesen verankert. Bei kleinen Schlucken sorgt das feine Aroma dafür, dass die Menschen ungezwungener miteinander sprechen und einander näherkommen. So stärkt das Teetrinken das nachbarschaftliche Miteinander und die Verbundenheit untereinander.
