Wiegenlieder in Vietnam

Wiegenlieder in Vietnam

Wiegenlieder in der vietnamesischen Kultur und traditionelle Liedtexte

Rachel Tran Rachel Tran | Aktualisiert am 5. März 2021

Als ich ein Baby war, sangen mir meine Mutter und meine Großmutter vietnamesische Wiegenlieder vor. Sie sollten mich nicht nur in den Schlaf wiegen, sondern schufen auch eine tiefe Verbindung zwischen uns. Damals verstand ich die Bedeutung der Lieder noch nicht, doch ich spürte die Wärme und Zärtlichkeit meiner Mutter und meiner Großmutter. Mit diesen Wiegenliedern bin ich aufgewachsen …

Lassen Sie mich Ihnen von den Wiegenliedern erzählen, mit denen die meisten Menschen in Vietnam aufgewachsen sind. Das Singen von Wiegenliedern ist ein fester Bestandteil der vietnamesischen Kultur. Hat ru – das Singen von Wiegenliedern – ist eine Form der Volksmusik, die in Vietnam besonders auf dem Land häufig zu hören ist. Als Substantiv bezeichnet ru ein Lied, das ein Baby in den Schlaf wiegt, als Verb bedeutet es “in den Schlaf wiegen”. Vietnamesische Frauen bringen in diesen Liedern jedoch auch ihr Schicksal und ihre Gefühle zum Ausdruck – etwa Heimweh oder die Sehnsucht einer Frau nach ihrem Ehemann. Damit das Kind allmählich einschläft, ist der Rhythmus meist ruhig, während die Töne melodisch in die Länge gezogen werden – wie ein leiser Dialog zwischen Mutter und Kind. Die Melodien des ru unterscheiden sich je nach Region. Ru hat seinen Ursprung in volkstümlichen Gedichten im Sechs-Acht-Silbenmaß. Der Rhythmus folgt der überlieferten Form, doch die Verse werden durch eingeschobene Silben wie à ơi, ù ơ, à á ơ oder à ơi ơi verlängert.

Wiegenlieder in Vietnam

In Nordvietnam werden ru mit den fünf Tönen do-re-fa-sol-la gesungen.

Ein Beispiel:

“Mein Kind, schlafe sanft,
                    damit Mutter Wasser holen und den Rücken des Elefanten waschen kann.
                              Wer es sehen möchte, steige hinauf in die Berge,
                    um die Damen Trưng und Triệu auf den goldenen Rücken ihrer Elefanten reiten zu sehen.”

Auch das Lied aus Nghe Tinh in Zentralvietnam beruht auf Gedichten im Sechs-Acht-Silbenmaß mit eingeschobenen Silben, verwendet jedoch nur die drei Töne la-re-fa:

                                “Mein Kind, schlafe sanft,
                     damit Mutter zum Markt gehen und einen Tontopf kaufen kann.
                                Geht sie zum südlichen Markt,
                     kauft sie dir ein langes, gebogenes Zuckerrohr.”

In Südvietnam beginnen die meisten Wiegenlieder mit den Worten ví dầu (“stell dir vor”):

                    “Stell dir vor, du gehst über eine aus Brettern gezimmerte Brücke,
                              so beschwerlich wie der Gang über eine schwankende Bambusbrücke.”

Auch wenn es heute in Vietnam nicht mehr so verbreitet ist wie früher, Kinder mit Gesang in den Schlaf zu wiegen, werden diese Wiegenlieder niemals verschwinden. Sie bleiben ein kostbarer Teil der Seele all jener Vietnamesinnen und Vietnamesen, die mit mütterlicher Liebe und sanften Liedern aufgewachsen sind.

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