Wenn Sie ein vietnamesisches Dorf- oder Tempelfest besuchen, haben Sie vielleicht Gelegenheit, ein traditionelles Spiel zu erleben: Menschenschach (“Cờ Người”), das sich bei vielen Vietnamesen großer Beliebtheit erfreut.
Beim Menschenschach übernehmen Menschen die Rollen der verschiedenen Schachfiguren wie König, Springer oder Läufer. Gespielt wird üblicherweise unter freiem Himmel auf einem Feld, dessen Schachbrettmuster auf dem Boden markiert ist. Soll eine Figur geschlagen werden, entscheidet ein einstudierter Kampf darüber, ob sie das Spielfeld tatsächlich verlassen muss.
Das vietnamesische Menschenschach folgt im Wesentlichen den Regeln des chinesischen Schachs. Das Spielprinzip ist dem westlichen Schach unverkennbar ähnlich, doch Größe des Spielfelds und Figuren unterscheiden sich. So gibt es unter anderem Kanonen und Wächter, die jeweils durch ein eigenes chinesisches Schriftzeichen gekennzeichnet sind. Insgesamt wirken 32 Menschen mit: Auf der einen Seite stehen 16 Jungen, auf der anderen 16 Mädchen. Beide Mannschaften tragen unterschiedliche Farben.
Das Schachbrett wird mit Farbe auf ebenem Boden markiert. Bei Dorffesten dient meist der Platz vor dem Gemeinschaftshaus oder einer Pagode als Spielfeld, manchmal auch ein nahe gelegenes Feld. Die Organisatoren wählen die Mitwirkenden und einen Schiedsrichter lange im Voraus aus. Traditionell sollen alle aus angesehenen Familien stammen. Der Schiedsrichter und die beiden Generäle kommen üblicherweise aus wohlhabenderen Familien, damit sie ihre Mannschaften bewirten können. Nach Abschluss der Auswahl versammelt der Schiedsrichter die 32 Mitwirkenden, erläutert die Kostüme und erklärt jeder Person, wie sie sich als Schachfigur bewegen muss. Bei Sonnenschein dürfen die Spieler auf Stühlen sitzen und Hüte tragen. Entweder tragen sie Tafeln mit den chinesischen Namen ihrer Figuren oder Stäbe mit den entsprechenden Schriftzeichen. Die Generäle erscheinen in traditionellen Gewändern. Die beiden Spieler, welche die Figuren dirigieren, sitzen auf eigenen Plätzen außerhalb des Spielfelds.
Während des Menschenschachs herrscht oft eine lebhafte Atmosphäre. Schon früh am Morgen versammeln sich zahlreiche Menschen und warten gespannt auf den Beginn. Drei Trommelwirbel kündigen gewöhnlich den Spielstart an. Zwei Spieler in traditioneller vietnamesischer Kleidung nehmen auf erhöhten Podesten hinter ihren Schachfiguren Platz. Der erste eröffnet die Partie mit einem lauten Ruf. Daraufhin verlässt eine seiner Figuren ihren Platz, führt verschiedene Kampfkünste vor und begibt sich zu einer anderen Position auf dem Schachbrett. Anschließend ruft auch der zweite Spieler seiner Figur einen Zug zu, den sie mit kunstvollen Techniken der Kampfkunst ausführt. So setzen beide die Partie abwechselnd fort. Wird eine Figur geschlagen, muss sie das Spielfeld verlassen. Besonders gelungene Darbietungen werden vom Publikum begeistert bejubelt, was die Figuren zu noch eindrucksvolleren Vorführungen anspornt. Nach beinahe zwei Stunden endet die Menschenschachpartie. Häufig möchten die Zuschauer jedoch noch nicht nach Hause gehen und hoffen, dass die Organisatoren das Spiel fortsetzen.
Das Tet-Fest steht vor der Tür, und Menschenschach gehört traditionell zu diesem bedeutenden Anlass. Erleben Sie die herzliche Feststimmung doch selbst. Die Ruhe, Präzision und Eleganz des Spiels werden Sie gewiss in ihren Bann ziehen – ein reizvoller Kontrast zu vielen anderen Wettkämpfen auf vietnamesischen Festen.
