Der Konfuzianismus in Vietnam

Der Konfuzianismus in Vietnam

Rachel Tran Rachel Tran | Aktualisiert am 7. Februar 2020

Der Konfuzianismus in Vietnam lässt sich eher als Sozialphilosophie denn als klassische Religion verstehen. Er kennt weder Kirche noch Klerus oder Bibel. Stattdessen vermittelt er gesellschaftliche Verhaltensregeln, nach denen der Mensch im Einklang mit der Gemeinschaft leben und persönliches Glück finden soll.

Der Konfuzianismus gelangte bereits früh während der chinesischen Herrschaft nach Vietnam und übt seitdem einen nachhaltigen Einfluss aus. Im Jahr 1072 wurde ein Tempel zu Ehren von Konfuzius und seinen 72 bedeutendsten Schülern errichtet. Dieser Tempel in Hanoi ist als Literaturtempel bekannt. Wenn Sie schon einmal in Saigon waren, haben Sie vielleicht im Botanischen Garten den Konfuzius gewidmeten Tempel der Erinnerung gesehen. Dort wird jedes Jahr in einer feierlichen Zeremonie der Geburtstag des Philosophen begangen.

Im Inneren einer Pagode in Vietnam
Foto: medium.com

Was ist Konfuzianismus?

Ein zentraler Aspekt des konfuzianischen Wertesystems ist die Ordnung zwischenmenschlicher Beziehungen. Werden die damit verbundenen Verhaltensregeln missachtet, kann dies die gesellschaftliche Ordnung stören und den Menschen aus dem Einklang mit dem Universum bringen. Himmel und Erde bilden nach dieser Lehre eine harmonische Einheit, und der Mensch strebt danach, eine vergleichbare Harmonie zu erreichen. Obwohl der vietnamesische Konfuzianismus keine stark formalisierte Organisation besitzt, prägt er bis heute das Leben nahezu aller ethnischen Vietnamesen. Er ist Teil des kulturellen Umfelds, in das jedes Kind hineingeboren wird.

Der Einfluss des Konfuzianismus in Vietnam

Der tief greifende Einfluss des Konfuzianismus ist in Vietnam bis heute spürbar. Seine Grundsätze sowie Rituale, Respekt und Gehorsam prägen die gesellschaftliche Ordnung.

Der Konfuzianismus verlieh Vietnam eine klar gegliederte, hierarchische Gesellschaftsordnung. Zwar fördert er die persönliche Entwicklung des Einzelnen, doch betont er zugleich dessen Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft. In diesem Sinne steht der Konfuzianismus dem Individualismus entgegen.

Nach konfuzianischer Vorstellung bedeutet der Tod nicht die vollständige Auslöschung eines Menschen. Konfuzianer glauben, dass der ruhelos umherwandernde Geist zum Familienaltar zurückgeführt und dort verehrt werden sollte. Darüber hinaus gilt die kindliche Pietät als grundlegende Pflicht. Deshalb werden die Geister der Ahnen zu allen feierlichen Anlässen angerufen und mit Alkohol, Blumen und Früchten geehrt, begleitet von Gebeten und Räucherwerk.

Der Konfuzianismus zeigt sich in Vietnam besonders deutlich beim Frühlingsfest, beim Mittherbstfest, beim Kinderfest und beim Tet-Fest.

Tet ist ein Fest der Erneuerung und Wiedergeburt, der Besinnung und Hoffnung. Feuerwerk, Glockengeläut, Trommelschläge, Spielzeug und festliche Speisen machen Tet zu einem der wichtigsten Feste Vietnams. Viele Menschen besuchen Pagoden, um zu beten und Räucherstäbchen sowie Sandelholz zu verbrennen. Auch die Familienaltäre werden mit Blumen, Speisen und alkoholischen Getränken geschmückt.

Weitere religiöse Anlässe gelten der Verehrung des Landes. Dazu zählen Feste zum Beginn des Pflügens, Reisfeste, Erntefeste und Feiern zu Ehren der ersten Früchte. Trotz Dürre, Krieg und Überschwemmungen verliert der vietnamesische Bauer kaum je sein Vertrauen in den Boden, den er pflügt, bestellt, eggt, jätet und bewässert. Aus Dankbarkeit wird das Land bei jahreszeitlichen Festen geehrt, die sowohl die Mühen und Hoffnungen der Vergangenheit als auch jene für die Zukunft zum Ausdruck bringen. Diese Verehrung des Bodens hat bei der vietnamesischen Landbevölkerung eine nahezu unerschütterliche Verbundenheit mit dem Geburtsort hervorgebracht, der die Menschen ihr Leben lang ernährte. Die Verbindung von Landverehrung und Ahnenkult erklärt die unzähligen Gräber, die über die ländlichen Gebiete Vietnams verstreut liegen.

Darüber hinaus hat der Konfuzianismus die Herausbildung der vietnamesischen Gesellschaft stark geprägt, in der die Familie die grundlegende Einheit bildet. Für vietnamesische Frauen galten traditionell drei zentrale Gehorsamspflichten: vor der Heirat gegenüber dem Vater, während der Ehe gegenüber dem Ehemann und nach dessen Tod gegenüber dem ältesten Sohn.

Die Bedeutung des Konfuzianismus als mäßigender Einfluss auf das gesellschaftliche Verhalten wird jedoch zunehmend von der Flexibilität und Offenheit einer sich wandelnden Gesellschaft abgelöst.

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