Der Chau-Van-Gesang ist eine traditionelle vietnamesische Darbietungsform, die im 16. Jahrhundert im nordvietnamesischen Delta des Roten Flusses entstand und sich später in den umliegenden Regionen verbreitete. Diese zeremonielle Kunst ist eng mit religiösen Ritualen verbunden.
Was ist Chau-Van-Gesang?
Chau Van, häufig auch Trau Van genannt, ist eine religiöse Form der vietnamesischen Kunst, die Gesang und Tanz miteinander verbindet. Sie dient dazu, die Verdienste wohlwollender Gottheiten oder nationaler Helden zu preisen. Musik und Dichtung vereinen dabei vielfältige Rhythmen, Pausen, Tempi, Betonungen und Tonhöhen.
Wenn Sie Chau-Van-Gesang hören, lassen sich die beiden folgenden Formen leicht miteinander verwechseln:
Hat Tho (Anbetungsgesang) besteht aus langsamem, von rituellen Handlungen begleitetem Sprechgesang. Die Musik weist nur wenige Variationen und geringe Kontraste in Tonhöhe und Betonung auf. Hat Len Dong hingegen verbindet den rituellen Gesang und Tanz eines Mediums, das den Willen und die Botschaften übernatürlicher Wesen zum Ausdruck bringt. Je nach Anzahl der Verse kann die Darbietung zahlreiche Variationen enthalten und erreicht häufig einen Höhe- oder Ruhepunkt der Trance.
Die Instrumentalmusik spielt im Chau van eine sehr wichtige Rolle: Sie hebt bedeutsame Passagen hervor oder setzt wirkungsvolle Kontraste. Zu den wichtigsten Instrumenten einer Chau-van-Darbietung gehören üblicherweise die mondförmige Laute (dan nguyet), begleitet vom Rhythmus eines angeschlagenen Holz- oder Bambusstücks (phach), Zimbeln (xeng), Trommel (trong) und Gong (chieng). Bei der Rezitation bestimmter Gedichte kommen bisweilen auch die 16-saitige Zither (dan tranh), die Flöte (sao) und das sogenannte Acht-Klang-Ensemble (dan bat am) zum Einsatz.
Die Gewänder der Chau-Van-Sängerinnen und -Sänger orientieren sich am Kult der “Vier Paläste”: Ein rotes Gewand symbolisiert den “Himmelspalast”, ein gelbes den “unterirdischen Palast”, ein grünes den “Musikpalast” und ein weißes den “Wasserpalast”. Kopfbedeckung und Schnitt des Gewands sind eng auf das übernatürliche Wesen abgestimmt, das während des Rituals verehrt wird. Die Gestaltung der Kostüme hat sich im Laufe der Zeit verändert, die festgelegte Farbsymbolik ist jedoch bis heute erhalten geblieben.
Die Atemtechnik beim Chau Van führt vom Zwerchfell bis in die Nasenhöhle, die als Resonanzraum dient. So entsteht ein Klang, der besonders gut zu den religiösen Themen und zur von Weihrauch und Kerzen geprägten Atmosphäre passt. Dennoch muss der Gesang stets klar genug bleiben, damit alle Zuhörenden den Text verstehen können.
Den Liedtexten kommt beim Chau-Van-Gesang besondere Bedeutung zu. Ein Medium benötigt nicht nur eine gute Stimme und musikalisches Können, sondern muss auch im richtigen Augenblick und passend zur jeweiligen Situation lobende Worte finden.
Die Kunst des Chau-Van-Gesangs entstand im Delta des Roten Flusses und reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Später verbreitete sie sich im ganzen Land und nahm dabei charakteristische Elemente der Volkslieder aus den Berg- und Hochlandregionen Nord-, Zentral- und Südvietnams auf.
Im Norden beginnt eine Zeremonie stets mit der Einladung an die Gottheiten, sich einzufinden. Der Zeremonienmeister verliest eine Bittschrift und spricht Beschwörungsformeln an die Unterwelt. Nachdem die Geister gerufen wurden, lässt sich eine Person – häufig eine Frau – auf einer Matte vor dem Altar nieder und wird zum Sprachrohr der Geister.
Ein besonderes Merkmal des Chau-van-Gesangs in Zentralvietnam ist jedoch, dass mehrere Personen gleichzeitig an einer Zeremonie teilnehmen – manchmal bis zu fünf. Insgesamt ist der Chau-van-Gesang hier üppiger ausgestaltet als im Norden; zudem sind seine Rhythmen deutlich komplexer.
Wenn Sie erleben möchten, wie eine Chau-van-Zeremonie vorbereitet und durchgeführt wird, besuchen Sie das alljährliche Fest am Hon-Chen-Tempel nahe Hue. Aufgrund seiner Lage am Ufer des Huong-Flusses und der großen Zahl an Teilnehmenden findet die Feier auf Booten statt. Tausende Boote füllen den Fluss, während farbenprächtig gekleidete Menschen zur rituellen Musik tanzen. Weihrauch liegt in der Luft, vermischt mit dem Duft der als Opfergaben dargebrachten Früchte und Blumen. Der Chau-van-Gesang, der im Süden auch hat bong genannt wird, folgt dort grundsätzlich demselben Muster wie im Norden und in Zentralvietnam. Einige Melodien sind jedoch von der klassischen Musik Südvietnams geprägt.
Über die Jahrhunderte hat der Chau-Van-Gesang sowohl kunstvolle als auch volkstümliche Züge entwickelt und zieht Musikwissenschaftler aus Vietnam und aller Welt in seinen Bann. Wer Chau Van hört, kommt einer einzigartigen Facette der vietnamesischen Kultur besonders nahe.
