Vietnam ist für seinen entschlossenen Widerstand gegen ausländische Angreifer bekannt. Zugleich ist das Land eine Wiege kultureller Vielfalt, die sich besonders eindrucksvoll in der Schönheit seiner traditionellen Kleidung zeigt.
Im feudalen Vietnam war die Kleidung eines der wichtigsten Kennzeichen des gesellschaftlichen Ranges und unterlag strengen Kleiderordnungen. Die traditionellen Gewänder unterschieden sich je nach Region und spiegelten zum Teil die Lebensweise der damaligen Bevölkerung wider.
Vietnam ist die Heimat von 54 ethnischen Gruppen, die jeweils ihre eigenen unverwechselbaren Kleidungsstile besitzen. Während die Trachten der ethnischen Gruppen im Hochland oft farbenfroh sind, ist die traditionelle Kleidung der Bevölkerung in den Ebenen meist schlicht und zurückhaltend. Dabei unterscheiden sich die Stile Nord- und Südvietnams deutlich voneinander.
Traditionell wurden vor allem Naturfasern wie Hanf, Seide und Baumwolle verwendet, die sich gut für das tropische Klima eignen. Die Vielfalt der Kleidung der vietnamesischen Volksgruppen lässt sich in diesem Artikel nicht vollständig darstellen. Daher konzentrieren wir uns hier auf die traditionelle Kleidung der Bevölkerung in den Ebenen.
In Nordvietnam trugen Bauern meist ein Oberteil und weite Baumwollhosen, die sie bis über die Knie hochrollten, damit sie bei der Arbeit in den nassen, schlammigen Reisfeldern trocken blieben. Für den Alltag stand ihnen nur eine begrenzte Auswahl ähnlich schlichter Kleidungsstücke zur Verfügung, und auch die zulässigen Farben waren eingeschränkt. Männer trugen daher braune Kleidung, ein um den Kopf gewickeltes Tuch und einfache Sandalen. Frauen kleideten sich in kurze, hellbraune Oberteile und lange schwarze Röcke; dazu trugen sie einen schwarzen Turban mit einer nach vorn gerichteten Spitze. Zeitweise durfte die einfache Bevölkerung – außer zu besonderen Anlässen wie Festen – nur schwarz, braun oder weiß gefärbte Kleidung tragen. Bei feierlichen Zeremonien ergänzten Männer ihre Kleidung um zwei weitere Stücke: ein langes, seitlich geschlitztes Gewand und einen meist schwarzen oder braunen Turban aus Baumwolle oder Seide.
Nach und nach verbreiteten sich unter Bauern im ganzen Land auch pyjamaähnliche Gewänder aus Seide, die im Norden als Ao Canh und im Süden als Áo Bà Ba bekannt sind. Der Ao Ba Ba besteht schlicht aus einer Seidenhose und einem langärmeligen, durchgeknöpften Hemd aus Seide. Das etwas länger geschnittene Hemd ist an beiden Seiten der Taille geschlitzt und bildet dadurch zwei Stoffbahnen; üblicherweise besitzt es zudem zwei Taschen. Seine Schlichtheit und Vielseitigkeit machten dieses Kleidungsstück ausgesprochen beliebt: Sowohl auf dem Land als auch in den Städten wird es bei der Arbeit ebenso wie in der Freizeit getragen.
Die bekannteste und am weitesten verbreitete vietnamesische Nationaltracht ist der Ao Dai. Heute wird er vor allem von Frauen zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten und Beerdigungen getragen. Tatsächlich ähnelt der Ao Dai dem chinesischen Qipao: Er besteht aus einem langen, an beiden Seiten geschlitzten Gewand, das über einer Seidenhose getragen wird. Der elegante und zugleich bequeme Kleidungsstil entstand vermutlich im 18. Jahrhundert. Heute sieht man den weißen Ao Dai häufig bei vietnamesischen Schülerinnen sowie bei Frauen in bestimmten Berufen, etwa an der Rezeption, im Sekretariat oder als Reiseleiterin …
Im Laufe der Zeit haben sich die traditionellen vietnamesischen Kleidungsstile mit der gesellschaftlichen Entwicklung allmählich gewandelt. Manche Kleidungsstücke sind verschwunden oder wurden durch modernere Varianten ersetzt; Hemden und Stoffhosen haben die traditionellen langärmeligen Oberteile und weiten Hosen weitgehend abgelöst. Dennoch sind traditionelle Trachten bis heute erhalten geblieben. Zugleich gibt es immer mehr Bemühungen, traditionelle Feste und Darbietungen wiederzubeleben, bei denen diese Kleidung eine wichtige Rolle spielt.
