“Tò He” – traditionelles Spielzeug aus Vietnam

“Tò He” – traditionelles Spielzeug aus Vietnam

Rachel Tran Rachel Tran | Aktualisiert am 12. Februar 2020

“Tò he” sind kunstvoll geformte Figuren aus farbigem Reisteig, die nicht nur vietnamesische Kinder, sondern auch Erwachsene begeistern …

In früheren Zeiten, als es in Vietnam noch keine Comics und illustrierten Bücher gab, stellten “Tò he”-Figuren Helden und Menschen aus dem Alltagsleben dar, ebenso Fabelwesen wie Drachen und Phönixe, vertraute Wasserbüffel, Blumen und all die schönen Gestalten aus Märchen und historischen Erzählungen. Die Kinder versammelten sich im Gemeinschaftshaus des Dorfes, lauschten den Geschichten und betrachteten Könige und Mandarine in prächtigen Gewändern, die geschickte Kunsthandwerker geformt hatten. So entstand vor ihren Augen eine lebendige Welt voller Helden und Feen.

Das Dorf Xuan La im Bezirk Phu Xuyen in Hanoi ist für die kunstvolle Herstellung filigraner “Tò he”-Figuren bekannt. Traditionell gaben die Kunsthandwerker ihr Wissen nicht an Frauen weiter, da die Väter befürchteten, ihre Töchter könnten die wertvollen Berufsgeheimnisse später an die Familie ihres Ehemannes verraten.

Merkmale der “Tò he

Ein älterer Bewohner des Dorfes Xuan La erklärt, dass das Geheimnis gelungener “Tò he”-Figuren in der Zubereitung des Teigs liegt. Zunächst mahlt der Kunsthandwerker Reis zu feinem Pulver. Anschließend gibt er Wasser hinzu und vermengt alles zu einer klebrigen Masse. Diese kommt in einen Topf mit Wasser, wird zum Kochen gebracht und eine Stunde lang gegart. Sobald die Teigmasse an die Wasseroberfläche steigt, wieder absinkt und erneut auftaucht, nimmt der Kunsthandwerker sie aus dem Topf. Danach färbt er sie in sieben Farben: Weiß, Schwarz, Grün, Gelb, Violett, Rosa und Rot. Erstaunlicherweise färben die einzelnen Teile beim Zusammensetzen einer “Tò he”-Figur nicht aufeinander ab.

Viele Generationen vietnamesischer Kinder waren überglücklich, wenn ihre Mütter vom Markt eine “Tò he”-Figur mitbrachten. Nach dem Spielen konnten die Kinder sie sogar essen. Wer in Xuan La das Handwerk erlernt, erfährt auch, wie wichtig es ist, den Menschen – insbesondere Kindern – Freude zu bereiten. Menschlichkeit ist die erste Lektion, die sich jeder Dorfbewohner zu Herzen nimmt. “Wenn wir den Menschen mit Liebe begegnen, kommen sie bestimmt zu uns”, sagen die “Tò he”-Kunsthandwerker.

Mit der Herstellung von “Tò he” lässt sich kaum ein großer Gewinn erzielen. Reisteig, Bambusstäbchen und Farbstoffe sind günstig und vor Ort erhältlich. Bezahlt werden vor allem die Geduld und Sorgfalt des Kunsthandwerkers. Die Kunden können ihre Wünsche äußern, beim Formen der Figur zusehen und schon nach wenigen Minuten das fertige Ergebnis bewundern. Eine “Tò he”-Figur kann einen Menschen, einen berühmten Feldherrn, eine Gestalt aus einer Volkssage, ein Tier oder eine Blume darstellen. Die Kunsthandwerker kennen die typischen Merkmale jedes Motivs auswendig. Mit scheinbar angeborenem Geschick verwenden sie genau die richtige Menge Teig, um jedes einzelne Teil einer Figur zu formen.

Die Bedeutung der “Tò he” in der vietnamesischen Kultur

Beim gemeinsamen Betrachten und Gestalten der Figuren wurden zugleich Traditionen sowie Werte und moralische Lehren an die jüngere Generation weitergegeben. Im Dorf Xuan La führen leidenschaftliche Kunsthandwerker das über Generationen vererbte Familienhandwerk fort. Trotz der überwältigenden Konkurrenz durch moderne Spielzeuge und illustrierte Bücher lassen sie die fantasievolle Welt der “Tò he”-Figuren weiterleben.

Herr To vermittelt Kindern zudem gern die tiefere Bedeutung der “Tò he”. Er erklärt ihnen, dass dieses Handwerk von der Freude der Menschen lebt, nicht vom Geld. Während Herr To beispielsweise eine Ratte formt, erzählt er, dass Ratten spitze Schnauzen und lange Schwänze haben, die Ernte der Bauern vernichten und deshalb bekämpft werden sollten. Gebannt lauschen die Kinder seinen Worten und beobachten, wie die “Tò he”-Figur in seinen Händen Gestalt annimmt.

Heute überschwemmen Spielzeuge aus Kunststoff und elektronische Spielsachen die Märkte in Städten und auf dem Land. Auch wenn “Tò he” mit dieser Konkurrenz kaum mithalten können, setzen sich die Bewohner von Xuan La weiterhin für den Erhalt ihres traditionellen Handwerks ein. Derzeit stellen etwa 300 Dorfbewohner “Tò he” her. Auch der siebenundsechzigjährige Kriegsveteran Chu Van Nghe übt das Handwerk noch immer aus. Seine vierjährige Enkelin hat ihn bereits gebeten, ihr das Formen der Figuren beizubringen. Inzwischen helfen viele Frauen ihren Ehemännern und Familien dabei, die Tradition des Dorfes zu bewahren. Jeden Tag ziehen Bewohner von Xuan La durch die verschiedensten Gegenden des Landes – von kleinen Weilern über Märkte bis zu Parks –, um “Tò he” an Kinder und Liebhaber dieser Figuren zu verkaufen.

Die Einwohner von Xuan La sind stolz darauf, dass “Tò he”-Kunsthandwerker heute in ganz Vietnam und sogar im Ausland anzutreffen sind, etwa in China, Laos, Kambodscha und Thailand. Dies zeigt, dass das Handwerk keineswegs vollständig verschwunden ist. Eine “Tò he”-Figur mag klein sein, doch in ihr leben die Hingabe, die Würde und der Fleiß weiter, mit denen die Bewohner von Xuan La diese Tradition vor langer, langer Zeit begründeten.

“Tò he” waren schlichte, aber wunderbare Zeichen der Liebe und Zuneigung für Kinder, die sehnsüchtig darauf warteten, dass ihre Mutter vom Markt zurückkehrte. Auch heute noch bereiten diese einfachen Spielzeuge den Kindern während des Mittherbstfests große Freude.

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