Das Tam Giao umfasst den Buddhismus, den Konfuzianismus und den Taoismus und spielt im religiösen Leben Vietnams eine zentrale Rolle. “Tao” bedeutet “Pfad” oder “Weg”. Taoisten verbinden damit Vorstellungen von Gesundheit, einem langen Leben, Unsterblichkeit und einem natürlichen, ungezwungenen Dasein.
Der Ursprung des Taoismus
Als Begründer des Taoismus gilt Lao Tseu (Lao Tu), ein chinesischer Zeitgenosse von Konfuzius, der um 500 v. Chr. lebte. Die Ideen und Lehren seiner Religion erläuterte er in seinem Werk Dao Duc Kinh (Das Buch von Weg und Tugend). Sein Leben lang suchte er nach einem Weg, den ständigen feudalen Kriegen und Konflikten zu entkommen, die die Gesellschaft seiner Zeit erschütterten. Der Taoismus steht daher für eine natürliche Lebensweise, die zu einem schlichten und unverfälschten Dasein ermutigt. Im Mittelpunkt steht die Harmonie zwischen Mensch, Natur und universeller Ordnung. Aus ihr sollen Wohlwollen und persönliche Integrität erwachsen. Die heutigen taoistischen Rituale in Vietnam verbinden religiöse und magische Elemente, Wahrsagerei, die Verehrung von Naturgeistern und weitere Bräuche.
Yin und Yang sind ein zentrales Motiv des Taoismus: Schwarz steht für Yin und Weiß für Yang. Das Symbol geht auf astronomische Beobachtungen zurück, bei denen der Schatten der Sonne über ein vollständiges Jahr hinweg aufgezeichnet wurde. Seine beiden ineinanderfließenden Formen vermitteln den Eindruck ständiger Veränderung – der einzigen Konstante im Universum. Einer weiteren Deutung zufolge verkörpert Yin, die dunkle Seite, den Atem, aus dem die Erde entstand. Zugleich steht es für das Weibliche: weich, kühl, ruhig, nach innen gerichtet und heilend…
Yang, die helle Seite, symbolisiert dagegen den Atem, aus dem der Himmel entstand, und wird mit dem Männlichen verbunden: hart, heiß, kraftvoll, bewegt und bisweilen aggressiv. Da jedoch nichts in der Natur vollkommen schwarz oder vollkommen weiß ist, befindet sich in der weißen Hälfte des Symbols ein kleiner schwarzer Punkt und entsprechend ein weißer Punkt in der schwarzen Hälfte.
Die Bedeutung von Yin und Yang
Das Yin-Yang-Symbol spiegelt die untrennbar miteinander verbundene Dualität aller Dinge in der Natur wider. Keine Eigenschaft existiert unabhängig von ihrem Gegenpol oder in vollkommen reiner Form. Dieses Prinzip gilt für sämtliche Bereiche des Daseins – von der Natur bis zum einzelnen Menschen. Gesellschaftliche Unruhen, Naturkatastrophen, persönliche Erkrankungen oder belastete Familienbeziehungen werden als Folgen eines Ungleichgewichts zwischen den Kräften von Yin und Yang betrachtet.
Taoismus im Vergleich mit anderen Glaubenslehren
Die Übereinstimmungen zwischen Taoismus und Konfuzianismus sind unverkennbar. Der Konfuzianismus dient vor allem dazu, das menschliche Verhalten zu ordnen, ohne eine ausgeprägte spirituelle Dimension einzubeziehen, während der Taoismus den Menschen Grundsätze vermittelt, die überwiegend ohne Spiritualität und Mystik auskommen. Ähnlich wie manche Strömungen des Buddhismus weist auch der Taoismus pessimistische Züge auf und begegnet Versuchen, die gewohnten Lebensformen grundlegend zu verändern, eher zurückhaltend.
Vietnam und der Taoismus
Vor der kommunistischen Herrschaft sahen viele Vietnamesen keinen Widerspruch darin, den drei Glaubenslehren Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus zugleich zu folgen. Der Taoismus strebt ein Leben im Einklang mit der Natur an und prägt den Alltag der ethnischen Vietnamesen bis heute – sowohl in den Städten als auch auf den Reisfeldern des Landes. Überall in Vietnam begegnen Ihnen Darstellungen taoistischer Gottheiten, die in Tempeln und Pagoden verehrt werden. In den meisten Familien dient der Hausaltar auch der Verehrung des “Küchengottes” – einer taoistischen Gottheit, die über das Verhalten der Familie wacht.
Bei einer Reise durch Vietnam fällt Ihnen vielleicht eine kleine achteckige Spiegelscheibe auf, die über den Türen vieler Häuser und kleiner Geschäfte angebracht ist und das Yin-Yang-Zeichen sowie weitere Symbole zeigt. Nach vietnamesischem Glauben soll sie umherirrende Geister und Gespenster fernhalten.
