“Diều sáo” (Drachenfliegen) sind vietnamesische Klangdrachen, die beim Fliegen faszinierende Töne erzeugen.
Wenn Sie Vietnam besuchen, haben Sie vielleicht Gelegenheit, einen faszinierenden “Diều sáo” steigen zu lassen. Drachenfliegen ist das ganze Jahr über beliebt, besonders im Sommer. Vietnamesinnen und Vietnamesen jeden Alters bauen Drachen in unterschiedlichsten Formen, Größen und Materialien und versehen sie mit Bambusflöten. “Diều sáo” begeistern nicht nur durch ihre Formen und Farben, sondern auch durch ihren Klang. Wenn am späten Nachmittag eine sanfte Brise aufkommt, lassen die Menschen ihre Drachen steigen und lauschen den zauberhaften Tönen der Flöten.
Wie wird ein “Diều sáo” gebaut?
“Diều sáo” werden im traditionellen vietnamesischen Stil gefertigt: Acht ovale Flügel und fünf Bambusflöten in abgestuften Größen sind am Drachen befestigt. Während des Flugs erzeugen die Flöten einen angenehmen, summenden Klang. Je schneller der Drachen durch die Luft gleitet, desto eindrucksvoller erklingen sie.
Kinderdrachen sind häufig klein, schlicht und mit Papier bespannt. Die Drachen der Erwachsenen können dagegen aufwendiger gestaltet und mit Stoff bespannt sein. Oft tragen sie eine oder mehrere Windflöten, die im Flug Melodien erzeugen.
Ein typischer Drachen für Erwachsene besteht aus vier Teilen: dem Körper, der Steuerschnur, der Flugschnur und den Flöten. Der Rahmen wird aus der glatten Außenschicht von Bambushalmen gefertigt und sorgfältig poliert. Die Drachenbauer formen Bambusstreifen zu einem Halbmond von zwei bis drei Metern Länge und einem Meter Breite. Anschließend bespannen sie den Rahmen mit Baumwollstoff oder sorgfältig aufgeklebtem Papier. Ist eine Hälfte des Drachens schwerer als die andere, sorgt die Steuerschnur für das nötige Gleichgewicht. Sie dient außerdem dazu, die Flugrichtung zu steuern und die Flügel bei zu starkem Wind vor dem Brechen zu schützen. Auch die Flugschnur besteht aus Bambus und kann 100 m bis 150 m lang sein. Junge Bambusstreifen von der Dicke eines Essstäbchens werden miteinander verbunden und anschließend in Wasser oder sogar in einer Mischung aus traditioneller chinesischer Medizin und Salz gekocht, damit die Schnur weich und biegsam wird. Flöten aus unterschiedlichen Materialien und in verschiedenen Größen können Vogelrufe, Autohupen, Gongs oder Musik nachahmen. Das Mundstück muss mit großer Sorgfalt geschnitzt werden, damit es den Wind richtig aufnimmt und den gewünschten Klang erzeugt.
Heute bauen die Dorfbewohner kunstvollere Drachen in Form von Phönixen, Schmetterlingen und Drachenwesen. Dicke Bambusschnüre werden dabei durch dünnere Bambus- oder Kunststoffschnüre ersetzt. Moderne Drachen sind sehr leicht und preiswert, da die benötigten Materialien problemlos erhältlich sind.
Wie lässt man einen “Diều sáo” steigen?
In Vietnam lässt man “Diều sáo” meist am späten Nachmittag steigen, wenn die Sonne langsam untergeht. Normalerweise sind dafür zwei Personen nötig. Eine Person hält die Flugschnur, während die andere den Drachen trägt und gegen den Wind läuft, bis dieser ihn erfasst und emporhebt. Gemeinsam halten sie den Drachen hoch am Himmel – manchmal über mehrere Tage hinweg, sogar vom Sommer bis in den Herbst.
Jedes Jahr finden in zahlreichen Provinzen Nord- und Zentralvietnams Wettbewerbe im Drachenfliegen statt. Die Regeln unterscheiden sich von Ort zu Ort. Im Allgemeinen gewinnt der schönste Drachen mit den eindrucksvollsten Flötenmelodien. Eine Besonderheit ist der Drachenkampf in Quang Yen in der Provinz Quang Ninh: Unabhängig von ihrer Gestaltung gewinnen dort jene Drachen, die andere Drachen treffen oder zum Absturz bringen.
“Diều sáo” blicken vermutlich auf eine rund 2,000-jährige Geschichte zurück und sind in ganz Vietnam beliebt. Das Drachenfliegen gilt hier als Sport, Freizeitbeschäftigung und religiöser Brauch.
