Die Anfänge des Christentums in Vietnam

Das Christentum kam im 16. Jahrhundert durch Missionare aus den bedeutenden katholischen Ländern Europas – Frankreich, Spanien und Portugal – nach Vietnam. Zu den ersten Ankömmlingen gehörte Alexandre de Rhodes, ein französischer Jesuit, der die damals im Norden herrschenden Trinh-Fürsten nachhaltig beeindruckte. So ebnete er den Weg für dauerhafte Missionsstationen in Hanoi, Da Nang und Hoi An.

Vertreibung aus Vietnam

Als Schöpfer der romanisierten Schriftform der vietnamesischen Sprache kann Alexandre de Rhodes mit gutem Grund als einer der Wegbereiter des modernen Vietnam gelten. Dennoch wurde er gemeinsam mit allen anderen Christen des Landes verwiesen, nachdem die Trinh-Fürsten zu der Überzeugung gelangt waren, der Katholizismus untergrabe jene Glaubensvorstellungen, auf denen ihre Herrschaft beruhte. Abgesehen von ihrer späteren Verwendung in der katholischen Kirche Vietnams fand seine Schrift bis ins 20. Jahrhundert kaum Beachtung. De Rhodes setzte seine Missionstätigkeit jedoch über die Société des Missions Étrangères fort, eine französische Missionsgesellschaft, an deren Gründung er beteiligt war und die in ganz Indochina um Gläubige warb. In den folgenden Jahren etablierte sich der Katholizismus erneut in Vietnam und breitete sich rasch aus.

Unterdrückung unter Minh Mang

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten bereits viele Tausend Katholiken in Vietnam. Das Verhältnis zwischen dem Katholizismus und den vietnamesischen Herrschern blieb jedoch angespannt: Die Könige misstrauten der Lehre von der Gleichheit aller Menschen vor Gott, da sie das feudale konfuzianische System, das ihre Herrschaft legitimierte, unmittelbar infrage stellte. Unter König Minh Mang, einem strengen Konfuzianer, schlug dieses Misstrauen in Unterdrückung um. Kirchen wurden zerstört, vietnamesische und ausländische Gläubige, die sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören, hingerichtet.

Das Eingreifen der Franzosen

Die Übergriffe Minh Mangs, so sehr sie später auch übertrieben dargestellt wurden, lieferten den Franzosen den gesuchten Vorwand für eine Invasion. Der Katholizismus wurde wieder zugelassen. Unter dem Schutz der Kolonialmacht erlebte die katholische Kirche eine Blütezeit: Im ganzen Land entstanden Missionsstationen, Schulen und Krankenhäuser, und die Kirche wurde zum größten Grundbesitzer Vietnams. Vietnamesische Katholiken wurden gegenüber ihren Landsleuten bevorzugt und entwickelten sich zu einer gebildeten Elite.

Der Exodus in den Süden

Als in den 1950er-Jahren die Kommunisten im Norden die Macht übernahmen, überquerten mehr als eine halbe Million Katholiken die entmilitarisierte Zone, um sich im Süden niederzulassen. Dort herrschte das Saigoner Regime unter Präsident Ngo Dinh Diem, der selbst Katholik war. Die im Norden verbliebenen Katholiken durften ihren Glauben weiterhin ausüben, standen dabei jedoch unter strenger Kontrolle.

Die Nachkriegsjahre

Nach der Wiedervereinigung schränkte die kommunistische Regierung die katholische Kirche ein und inhaftierte mehrere ihrer führenden Vertreter, die sich aktiv gegen die neue Regierung gestellt hatten. Seither wurden die Kontrollen gelockert, und das Verhältnis zwischen Vietnam und dem Vatikan hat sich freundschaftlich entwickelt. Ein Besuch des Papstes in dem Land mit der zweitgrößten katholischen Bevölkerung Südostasiens scheint jedoch weiterhin nicht unmittelbar bevorzustehen.

Der protestantische Glaube

Der Protestantismus wurde vor allem durch Amerikaner im Süden eingeführt, und zwar in Form einer offensiven evangelikalen Missionstätigkeit. Heute zählt er etwa eine halbe Million Anhänger. Viele von ihnen gehören ethnischen Minderheiten im Zentralen Hochland an. In den vergangenen Jahren kam es in dieser Region zu erheblichen Unruhen. Amerikanische “Gospel”-Organisationen veröffentlichen regelmäßig “Berichte”, in denen sie Menschenrechtsverletzungen und die Einschränkung der Religionsfreiheit anprangern. Lässt man die unterschiedlichen Auffassungen in den USA und Asien darüber, was unter “Menschenrechten” zu verstehen ist, beiseite, zeigt bereits eine kurze Suche im Internet, dass die Ziele vieler dieser Gruppen eher politischer als religiöser Natur sind.

Die Kirchenbauten

Aus der Sicht von Reisenden sind viele katholische Kirchen unbedingt einen Besuch wert. Die gotischen Bauwerke in Ho-Chi-Minh-Stadt, Hanoi, Hue und Da Lat sind Nachbildungen europäischer Kathedralen und wurden häufig aus importierten Materialien errichtet. Sie besitzen durchaus reizvolle Details, doch die eigenständigen vietnamesischen Kirchenbauten sind für Reisende meist noch interessanter.

Die berühmte “Steinkirche”

Besonders eindrucksvoll ist die “Steinkirche” von Phat Diem im Norden. Ihr Glockenturm wurde durch Graham Greene in “Der stille Amerikaner” literarisch verewigt. Das Bauwerk verbindet auf außergewöhnlich harmonische Weise christliche und asiatische Elemente. Es ist das Lebenswerk des vietnamesischen Geistlichen Pater Tran Luc und ein architektonisches Juwel: Auf den ersten Blick erinnert es an einen vietnamesischen Tempel, zugleich ist es reich an christlicher Symbolik und sakralen Figuren. Auch der Innenraum beeindruckt – mit einem 75 m langen Dach, das von mächtigen Eisenholzsäulen getragen wird, und einem prachtvollen Altaraufsatz.

Außergewöhnliche Kirchen

Auch viele Kirchen im Zentralen Hochland verbinden westliche und östliche Baustile. Einige weisen höchst ungewöhnliche Merkmale auf, in denen sich die ausgeprägte animistische Tradition der Region widerspiegelt

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